Meine Märchen - Der blaue Stern
Der blaue Stern
Es war einmal ein Mädchen, das oben am großen Wasserfall mit vielen Freunden lebte. Es konnte sich gar nicht mehr erinnern, seine Tage ohne sie verbracht zu haben. Sie gingen gemeinsam ihrer Arbeit anch, bestellten den Garten und versorgten ihre Schafe und Ziegen. Sie sangen Lieder, während sie im Fluß ihre Wäsche wuschen oder die Tiere abends beim Haus zusammentrieben. Sie hatten sich irgend wann einmal nach und nach zusammengefunden. Keiner konnte so richtig sagen, warum er oder sie gebleiben war. Nur, dass er bleiben wollte, um sich mit den anderen zu teilen und an den anderen teilzuhaben.
Das Mädchen nun, das da oben am großen Wasserfall mit seinen vielen zwei- und vierbeinigen Freunden lebte, hatte eine ganz besondere Vorliebe, die es pflegte und genoss. Es liebte es sehr, langsam zu sein. Langsam stieg es die Berge hoch, um oberhalb des Wasserfalls Beeren zu sammeln, langsam füllte es seinen Korb mit roten und blauen Früchten, da es jede einzelne Frucht eingehend und respektvoll betrachtete und sich dabei freute, dass sie hier für es wuchs.
Ja, ich glaube, es war seine Begeisterungsfähigkeit für alles noch so Nichtige, was die Bewegungen und Gedanken des Mädchens so langsam und bedächtig werden liessen. Das Mädchen galt als ruhender Pol unter seinen Freunden; jedoch gab es auch manchmal Anlass zu Verärgerungen, wenn es in ihren Augen allzu langsam war. Ihr aller Leben floss gleichförmig dahin, und eigentlich wollte auch niemand etwas ändern.
Eines Tages, jeder ging seiner Beschäftigung nach oder döste im Schutz vor der heissen Mittagssonne im Schatten der Bäume, traf ein junger Mann bei dem Haus am großen Wasserfall auf das Mädchen, das es liebte, langsam zu sein. Es bot ihm frischen, kühlen Saft aus den roten und blauen Beeren an und wunderte sich sehr, dass sein Gegenüber trotz seiner weichen und katzenartigen Bewegungen so fahrig und ungeduldig wirkte. Schon lange war niemand mehr bei ihnen vorbei gekommen, und da das Mädchen alle Zeit der Welt in sich hatte, wollte es den jungen Mann nicht gleich wieder weiterziehen lassen.
Er erzählte nicht gerne von sich, doch unter dem hellen, ruhigen Blick des Mädchens berichtete er ihm, dass er Tänzer sei, und das wohl nicht weiter bleiben könne. Sein Traum sei verschwunden, der ihn jahrelang begleitet habe und der sein Leben ausmache. Er habe gehört, oben in den Bergen, weit hinter dem großen Wasserfall, träfen sich ab und zu die Träume aller Menschen. Deshalb habe er sich auf den Weg gemacht, um seinen Traum wiederzufinden und ihn zu bitten, mit ihm zurückzukehren.
Das Mädchen kannte die Geschichte von der großen Lichtung, wo sich ab und zu die Träume aller Menschen einfinden und einige auch bleiben, fast genau so, wie das Mädchen selbst und seine Freunde sich im Haus am großen Wasserfall eingefunden hatten und viele davon geblieben waren.
Das Mädchen kannte aber auch die Gefahren, die sich Menschen auftaten, woillten sie zu dieser Lichtung gelangen, geschweige denn, mit den Träumen Kontakt aufnehmen. Bisher war keiner der Suchenden je zurückgekehrt. Nur schaurige Geschichten erzählte man sich über deren qualvollen Leiden.
Das Mädchen bot dem jungen Tänzer an, ihn zu begleiten. Es hatte ihm zugehört, hatte Gefallen an ihm gefunden und verspürte nur noch den Wunsch, ihm unter allen Umständen zu helfen. So sagte es dem Tänzer nicht von der wahrscheinlichen Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens, sah es doch, dass er nur gewinnen konnte, wenn er seinen Traum wiederfinden würde.
Langsam packte das Mädchen ein kleines Bündel zusammen und nahm Abschied von seinen Freunden. Niemand fragte, sah und spürte doch jeder die Notwendigkeit seines Aufbruchs mit dem jungen Tänzer.
Viele Tage und Wochen waren sie unterwegs; schon lange kannte das Mädchen keinen Weg, keinen Strauch mehr. Das Haus lag weit unter ihnen und war schon lange seinen Blicken entschwunden. Das Tosen des Wasserfalles hatte es noch ein wenig länger begleitet. Jetzt hörte es ihn nur noch in den Augenblicken, wenn es an seine Freunde dachte und ihnen mit dem Wind Küsse schickte.
Sie redeten nicht viel miteinander, der Tänzer und das Mädchen. Oft lief er weit voraus und wartete ungeduldig, bis das Mädchen wieder zu ihm stiess. Doch liess es sich nicht beirren, setzte bedächtig Fuß vor Fuß und bewunderte die kleinen Blüten im Moospolster oder die wenigen Vogelstimmen, die sich noch vernehmen liessen. Oft war der junge Tänzer mutlos und verzweifelt, er haderte mit sich und verlor sein Ziel, seinen Traum wiederzufinden, aus den Augen.
Das Mädchen schaute ihn eines Morgens nur lange aus seinen hellen, ruhigen Augen an und fasste ihn bei der Hand. So gingen sie weiter, langsam, und dabei zeigte es ihm winzige Blumen und buntschillernde Käfer. Darüber vergaß er seine Ungeduld zwar nie ganz, aber er brachte es auch nicht mehr fertig, weiter zu stürmen, zumal die Gegend immer schauriger wurde und die Winzigkeiten, an denen sich das Mädchen erfreute, immer seltener.
Die Tage, die Monate vergingen. Und da machte der Tänzer das Mädchen zum ersten Mal auf einen kleinen blauen Stern zwischen den Kieselsteinen aufmerksam. Doch als er sich bücken wollte, um ihn aufzuheben, verschwand er. Das Mädchen lächelte still in sich hinein, hoffte es doch, dass er eben auf seinen Traum gestossen war. Doch die Zeit war noch nicht reif. Wie konnte er glauben, eine Kostbarkeit wie diese einfach aufheben und einstecken zu können wie die Kiesel um ihn herum?
Nach dieser Begegnung mit dem Stern wurde er aufmerksamer. Überall hielt er Ausschau nach Ähnlichem und entdeckte dabei auch die Nichtigkeiten, das heisst, das, was er früher als Nichtigkeiten bezeichnet hatte.
Die Rollen hatten gewechselt. Das Mädchen wartete jetzt mehr und mehr auf den jungen Tänzer, der sich beispielsweise nicht von den Sprenkelungen und Einschlüssen in einem Stück Fels losreißen konnte und sich erfurchtsvoll und staunend darüber beugte, mit den Fingern den Unebenheiten nachspürte oder der Wärme der Sonne.
Eines Tage fragte er recht unvermittelt das Mädchen, das sich ruhig neben ihm aufhielt, ob er ihm vortanzen dürfe. Dieser Wunsch war so brennend in ihm, dass das Strahlen in den Augen des Mädchens genügte, ihn aufspringen zu lassen. Er verharrte kurz, um sich zu besinnen, was er für das Mädchen am besten und schönsten tanzen solle. Während er die ersten Schritte tat, wuchsen dort, wo seine Füße den Boden berührten, bunte Blümchen auf.
Verzückt und mit leichtem Kopfschütteln über das, was um ihn herum geschah, tanzte er weiter, darauf bedacht, die Blümchen nicht zu zertreten und neue sprießen zu lassen. Er lachte schon recht atemlos, als er sich neben das Mädchen in den Blütenteppich fallen liess. In seinen Augen funkelten tausend blaue Sterne.
Brigitte Stolz, Auszug aus dem eingereichten Beitrag zum
Schreibwettbewerb des Seniorenrats Althengstett im Juni 2018
Haiku
Die wahre Sonne,
die tragen wir im Herzen,
wo das Glück entspringt.
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